Der Vater Carl Orff

Der Denker und Visionär Carl Orff

 

Zeitzeugenerlebnisse mit einem Genie…

Jahrzehnte an der Seite von Godela Orff, aber auch Jahrzehnte, Gespräche, Gedanken und Reflexionen über ihren Vater, Carl Orff. Auch meine zahllosen Begegnungen mit Carl Orff haben mein Leben inspiriert, mir Welten eröffnet, von denen ein Musikbegeisterter nur träumen kann…

Nach meiner Heirat 1959 mit Godela Orff – Carl Orff und meine Mutter Elisabeth Büchtemann, geb. Scholefield, eine Konzertpianistin, waren Trauzeugen – ging es gleich hinein in die Orff-Welten. Zuvor etwas Grundsätzliches:

Will man Carl Orff über seine weltweit bekannten Carmina Burana und sein weltweit verbreitetes Orff-Schulwerk hinaus verstehen und ergründen, nach welchem „Gesetz“ der Komponist, Philosoph, Dichter und Pädagoge Carl Orff angetreten ist, muss man Herkunft, Werdegang und das gesamte Opus dieses Genies betrachten. Carl Orff ging es immer um das Letzte, das Höchste, das Vollkommene, um den Geist, das „Ta panta nus – Alles ist Geist.“ So ist bereits das Violenquartett am Schluss seines letzten Werkes De temporum fine Comoedia 1921 vorweggenommen. Es basiert auf dem Choral von J.S.Bach „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“, BWV 668. Orff kehrt damit, gleichsam einem Brückenschlag über ein halbes Jahrhundert, an seinen Ursprung zurück. Über sein Werk schreibt Carl Orff in seiner achtbändigen Dokumentation „Carl Orff und sein Werk“, die bei Hans Schneider in Tutzing 1981 verlegt worden ist. Mit zahlreichen Beiträgen renommierter Fachgelehrter – voran Dr. Werner Thomas – dem Wegbegleiter Orffs über viele Jahrzehnte.

Hier werden meine ganz persönlichen Erlebnisse und Begegnungen mit Carl Orff nachgezeichnet.

1959: Die erste Carl-Orff-Woche in Stuttgart

1959 stand die erste Carl-Orff-Woche an den Württembergischen Staatstheatern in Stuttgart auf dem Programm. Walter Erich Schäfer, der Generalintendant der Württembergischen Staatstheater, hatte sie „als Bekenntnis für Orff“ inszeniert. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Ferdinand Leitner.   

Die Fest-Woche begann mit einer Matinee:

11. Dezember 1959: Uraufführung des Oedipus der Tyrann

Der erste Höhepunkt dieser Woche war die Uraufführung des Oedipus der Tyrann am 11. Dezember 1959,  ein Trauerspiel des Sophokles von Friedrich Hölderlin.
Mit Gerhard Stolze in der Titelrolle und Fritz Wunderlich als Tiresias, Astrid Varnay als Jokaste, Hans Baur als Bote u.a. unter der musikalischen Leitung von Ferdinand Leitner, in der Inszenierung von Günther Rennert.

Es folgten in der gleichen Woche Aufführungen der Orff-Werke: Antigonae, Der Mond, Trionfi.

Es waren Tage reinsten Glückes für den an diesem Theater hoch geschätzten und verehrten Komponisten Carl Orff. Orff war gelöst, heiter und versprühte allenthalben seinen Witz und Charme.

In dieser Woche wurde Carl Orff auch die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen verliehen. Als Dank schenkte Orff die Partitur seines Oedipus der Tyrann der Tübinger Fakultät. Friedrich Hölderlin hatte an dieser Fakultät studiert.

Orff blieb bei diesen spektakulären Ereignissen bescheiden, zurückhaltend. Gleichwohl: freuten ihn natürlich diese außergewöhnlichen Ehrungen. Das hatte es zuvor für einen lebenden Komponisten nicht gegeben. Bekanntlich wurde Stuttgart unter seinem Intendanten Walter Erich Schäfer Orffs „künstlerische Heimat“. Sämtliche Orff-Bühnenwerke außer der Antigonae (Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1949) und De temporum fine Comoedia, Spiel vom Ende der Zeiten (Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1973) wurden hier uraufgeführt. 1947 bereits das bayerische Stück Die Bernauerin mit Godela Orff in der Titelrolle als Agnes.

Mit Carl Orff durch die 1960er Jahre…

Es waren die Jahre der größten Schaffenskraft von Carl Orff. Wenn er etwas Neues geschrieben hatte, ging bei uns im unweit gelegenen Grafrath, unserem Domizil, das Telefon. Godela und ich sollten zu ihm nach Dießen kommen. Gefeiert wurde nie. Aber erzählt und ausführlich erklärt immer. Meistens am Klavier, wo er seine „neuesten Sachen“, wie er sagte, vorspielte, mitsang und ganz in seinem Element war. Er wurde ganz privat, ließ auch manchmal hinter seine Kulissen schauen, wenn er auf seinem Sofa neben dem großen Kamin in seinem Arbeitszimmer saß und an seiner Pfeife zog.

Dabei ging es beileibe nicht nur um seine Werke, wenngleich sie natürlich im Vordergrund standen. Es ging auch um Philosophisches, Weltpolitisches. Er kannte sich in allen Bereichen äußerst gut aus. Konnte erklären, die Dinge präzise auseinandersetzen. Es waren Stunden der tiefsten, auch menschlich besonders wertvollen Begegnungen. Die Verabschiedung war herzlich, fast zärtlich. „Kommt bald wieder!“ hieß es. Und jedes Mal fuhren wir betrübt nach Hause, und wir fragten uns, woran es lag, dass wir traurig waren, wenn wir den Vater in Dießen besucht hatten. Schon bald nach dem Besuch, wenn wir kurz wieder in Grafrath zurück waren, klingelte das Telefon und der Vater wollte wissen, ob wir gut nach Hause gekommen seien. Aus unserer Sicht ein Vorwand, weil er wohl einsam war und die Wärme brauchte, die er vielleicht in Dießen vermisste? Wir vermuteten es. An der Stelle war Orff ein Mensch wie Du und ich.

So war es auch stets zu Weihnachten. Am Heiligabend oder am ersten Feiertag kam er regelmäßig zu uns nach Grafrath, wenn er zuvor das Grab seiner Eltern auf dem Unteraltinger Friedhof besucht hatte. Godela machte ein köstliches Essen und tischte auf, was ihrem Vater am besten schmeckte. Lebernockerlsuppe und andere bayerische Schmankerl. Das genoss er. Er war bei seiner Tochter ganz einfach Zuhause. War es doch auch das Haus seiner Eltern, in dem er uns besuchte. Und jedes Mal mussten die von Godela gestaltete, jedes Jahr anders dekorierte, hoch künstlerische Krippe und der phantasievoll geschmückte Tannenbaum bewundert werden. Er legte sich unter den Baum und beobachtete staunend das Erlöschen der Kerzen, Licht um Licht. Bis es ganz dunkel wurde. Das genoss er zutiefst. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter war einzigartig. Und ich war sehr glücklich, wenn die beiden sich gut verstanden.

Dialog mit der Tochter in entspannter Atmosphäre

Carl Orff im Dialog ..

… mit Godela in Unteralting/Grafrath, in den 1960er Jahren

Oft rief mich Carl Orff in meiner Firma in Hamburg an. Schon morgens in der Frühe. Stets mit Problemen behaftet. Es ging auch um seine Gesundheit. Er fragte mich um Rat nach guten Ärzten, kannte ich mich doch in der medizinischen Szene in München gut aus. Und wenn es sich ergab, gingen wir zusammen in die Klinik. Ich durfte ihn begleiten und ihm die Wege ebnen.

Bei diesen Telefonaten ging es häufig um seine Tochter, um die er sich viele Sorgen machte. „Was hat sie denn schon wieder“ fragte er und war beruhigt, wenn wir zu einem guten Resultat des Gesprächs kamen. Der sonst so beschäftigte Orff zeigte sich eben auch rührend bekümmert um menschliche Belange – wie es jedenfalls den Anschein hatte.

Theaterabende in München

Unvergessen sind die Theaterabende auf Münchens großen Bühnen in den 60er Jahren. Der Mond, Die Kluge, der Orffsche Sommernachtstraum unter Mitwirkung von Godela Orff, Die Bernauerin mit Godela Orff, die reizende Heinz Rosen-Inszenierung der Carmina Burana. Sie sind mir in besonderer Erinnerung.

Zu der Zeit waren auch die Mutter von Carl Orff, Paula Orff, geb. Köstler…

Carl Orffs Mutter, Paula Orff, geb Köstler

…und Orffs Schwester, Maria Seifert (Foto: siehe Verleihung des Romano-Guardini-Preises), die Ehefrau des Landschaftsarchitekten Prof. Alwin Seifert, dabei. Und wenn man die beiden Damen fragte, was sie empfinden würden, dass man ihren Sohn und ihren Bruder so sehr feiere, hieß es ganz bescheiden, dass sei „normal“, sie seien es gewohnt. Und so war es letzten Endes auch. Aber stolz waren sie doch.

Carl Orff, Szenenapplaus, Staatsoper München, 1960er Jahre

Unvergessen für mich der Konzertabend der „Musica Viva“ mit Paul Hindemith am Pult und seinen Mathis der Maler. Orff fragte mich, ob ich Lust hätte, ihn dorthin zu begleiten. Wir saßen direkt über dem Orchester und lasen die Partitur.

24. März 1968: Uraufführung des Gefesselten Prometheus

Am 24. März 1968 fand in den Württembergischen Staatstheatern in Stuttgart die Uraufführung des Gefesselten Prometheus nach Aischylos in altgriechischer Sprache von Carl Orff statt. Leitung Ferdinand Leitner, Regie Gustav Rudolf Sellner.

Größte Aufregung für die Darsteller – vordergründig für den Komponisten.

Carl Orff hatte lange vor der Uraufführung dieses Werkes mit den Solisten des Abends in seinem Dießener Haus eingehend geprobt und sie auf ihre schwere Aufgabe eingeschworen, ihnen am Klavier vorgespielt, vorgesungen, in die altgriechische Sprache und deren Wortlaute eingeführt.  Einer der Protagonisten des Abends, Carlos Alexander, schrieb darüber, dass Orff ihn schon drei Jahre vor der Uraufführung mit dem Werk vertraut gemacht habe. (Carl Orff. Ein Gedenkbuch. Verlegt bei Hans Schneider, Tutzing 1985).

Auch Godela war oft bei ihrem Vater in Dießen und resumierte, dass Orff nur in der altgriechischen Sprache „seine Musik hörte” Sie war auch dabei, wenn ihr Vater mit den Sängern probte. Der große Pädagoge Orff verstand es, Schweres leicht und mit dem schwer zu realisierenden Werk vertraut zu machen. Er beruhigte die Sänger: „Wenn Ihr mit dem Text nicht weiterkommt, sagt „Kyriazi, Kyriazi“ (der Name einer damals bekannten Zigarettenmarke). Das merkt keiner!“ Aber sie kamen weiter. Die Uraufführung wurde auch dank der zutiefst beeindruckenden Inszenierung und des Engagements von Sängern und Orchester ein gewaltiger Erfolg. Solche Ereignisse bleiben hängen, bleiben unvergessen.

Die Entspannung zeigte sich am nächsten Morgen. Trotz allem: nach jeder Uraufführung stellte sich für Orff die bange Frage nach dem Urteil der Fachwelt. Es herrschte eine gewaltige Spannung und Anspannung. Und wehe, es wurde unqualifiziert rezensiert. Orff kam zu uns ins Stuttgarter Hotelzimmer und diskutierte speziell mit Godela die Presse. Darüber wäre manches zu sagen. Gleichwohl: es waren unvergessliche Erlebnisse. Herrlich und aufregend zugleich.

Am Morgen nach der Uraufführung des Prometheus

05. März 1972: Fotosession bei Carl Orff…

Orff lud mich ein, in seinem Dießener Arbeitszimmer Aufnahmen von ihm zu machen. Dabei entwickelte sich wie immer ein hoch interessanter Dialog…

20. August 1973: Uraufführung von De temporum fine comoedia

Der letzte Höhepunkt im Schaffen von Carl Orff war die Uraufführung von De temporum fine comoedia – Das Spiel vom Ende der Zeiten – Vigilia bei den Salzburger Festspielen unter der Leitung von Herbert von Karajan in der Regie von August Everding.

Bilddokumente am Morgen nach der Welturaufführung seiner De temporum fine Comoedia – Das Spiel vom Ende der Zeiten  Vigilia. 

1974: Verleihung des Romano Guardini-Preises

Eine der ehrenvollsten Auszeichnungen im Leben von Carl Orff war die Verleihung des Romano Guardini-Preises in der Katholischen Akademie in Bayern. Anwesend auch hier die große Prominenz:

1970er Jahre: Impressionen zwischen Vater und Tochter

Auf der Loggia in Carl Orffs Anwesen in Dießen am Ammersee. Zwiegespräch zwischen Vater und Tochter.

1975: Ehrenbürgerrechte der Landeshauptstadt München

Im alten Rathaus von München wurden Professor Dr. h.c. Carl Orff die Ehrenbürgerechte der Landeshauptstadt München verliehen.

04.Mai 1975: Carl Orff liest aus Die Bernauerin

10. Juli 1975: Carl Orffs 80.Geburtstag

Die große Feier zum 80. Geburtstag ereignete sich in der Staatsoper München mit der Enthüllung der Carl-Orff-Büste.

Zu den Laudatoren gehörten: Der Orff-Verleger Willy Strecker, der Staatsintendant Günther Rennert, die Prominenz der Staatsoper München. Und viele andere Weggefährten. Auch die bekannte Cembalistin Anna Barbara Speckner. Sie alle kamen, um den Jubilar zu hören, zu belauschen, was er in dieser Stunde wohl zu sagen habe. Die Büste steht dort, wo die Opernwelt Zuhause ist. Ein Spektakulum einiger der ganz Großen:  W.A. Mozart, L.v.Beethoven, G.Verdi, V.Bellini, G. Puccini, R. Wagner, R. Strauß.

Prometheus in der Neufassung

Ein Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag des Komponisten am 10.Juli 1975 war die konzertante Aufführung seines Prometheus in der Neufassung unter Rafael Kubelik im Rahmen der Musica viva-Konzerte. In Anwesenheit des Komponisten.
Mit Roland Herrmann in der Titelpartie, Colette Lorand als Io Inachus, Fritz Uhl, Josef Greindl, Kieth Engen, Heinz Cramer, Frauenchor und Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks.
Roland Herrmann berichtet über Änderungen, die Carl Orff in die Partitur einfließen ließ, die im Rahmen eines einwöchigen Aufenthaltes des Sängers im Anwesen von Carl Orff in Dießen am Ammersee entstanden sind.  (Carl Orff ein Gedenkbuch“, verlegt bei Hans Hans Schneider – Tutzing 1985).

Am 1./2. Oktober 1975 wurde der Prometheus in der Neufassung aufgenommen, wiederum mit Rafael Kubelik und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Anwesenheit des Komponisten.

Ein historisches Dokument: die CD des Prometheus von Carl Orff aus 1975

1975: Verfilmung der Carmina Burana

Carl Orff bat mich, ihn zur Verfilmung seiner Carmina Burana durch Jean-Pierre Ponelle in den Bavaria-Filmstudios in München Geiselgasteig zu begleiten. 

23. Juni 1980: Orffs letzte Reise….

Einer der letzten, vielleicht auch stärksten Höhepunkte im Leben von Carl Orff war seine Reise nach Berlin zur Aufführung seiner Carmina Burana am 23. Juni 1980. Mit den Berliner Philharmonikern unter Riccardo Muti. Zwei Jahre vor Orffs Tod.

Liselotte Orff hatte mich gebeten, ihren Mann zusammen mit Godela zu begleiten. Nichts tat ich lieber. Aber sehr bewusst ob der Verantwortung und der notwendigen ständigen Präsenz in Orffs Nähe. Tag und Nacht. Es ging ihm nicht gut, und so hatte man bereits Angst vor dem Flug nach Berlin, dem Einchecken im Hotel, den Proben und dem eigentlichen Abend. Nun, wenn seine Musik erklingt, hat Carl Orff alles vergessen. Nach der grandiosen Aufführung des Werkes begleitete ich ihn zum Podium. Mit seinen Worten „Dies ist die zweite Uraufführung meiner Carmina Buranaerntete er einen nicht enden wollenden Jubelsturm bei Orchester, Chor und Publikum. Eine ergreifende Stuation.

Carl Orff und Riccardo Muti gaben im Künstlerzimmer Autogramme auf der neu erschienenen Schallplatte der Carmina Burana.

Handsignierte Schallplatte. Riccardo Muti – Carl Orff

Die Tage in Berlin waren eine äußerst große Anstrengung für Carl Orff. Die Nacht nach der Aufführung war entsprechend unruhig. Orff fand vielleicht zwei bis drei Stunden Ruhe. Dann war er wieder „da“ und erzählte, erzählte… Man erfuhr Erstaunliches aus seinem Leben – aus allernächster Nähe und in enger Vertrautheit!

 

10. Juli 1980: Orffs Griechendramen im Circus Krone

Unvergessen die letzten Aufführungen im Leben von Carl Orff:
Seine Griechendramen im Circus Krone 1980 – zu seinem 85. Geburtstag!

Carl Orff hatte sich anfänglich massiv dagegen gewehrt, dass seine größten Werke in einem Zirkus aufgeführt werden sollten und es die Stadt München nicht für nötig hielt, seine Werke auf einer der großen Bühnen Münchens aufzuführen. „Ja, bin i denn schon bei den Affen gelandet“, tobte und schimpfte er – wie Godela Orff in ihrem Buch „Mein Vater Carl Orff und ich“ schreibt. (Copyright by Henschel Verlag in der Seemann Henschel GmbH & Co.KG.) „Schließlich gab Orff seinen Widerstand auf. Er ließ sich überzeugen, dass diese Aufführungen ein großer Versuch sei und an den großen Erfolg der Aufführung seiner Griechendramen in Athen anknüpfe“ (Zitat aus dem hier genannten Buch). Es wurde ein grandioser Erfolg. Orff wurde umjubelt und von allen Seiten geehrt!

Godela und ich saßen im Circus Krone bei der Aufführung neben ihm. Seine Anspannung, sein Mitgehen Takt für Takt, seine Entrückung – er war nicht mehr „da“ – keiner weiß, was in Carl Orff vorging!

Tief versunken in sein Werk. Das letzte Bild in der Öffentlichkeit

 

Die Endzeit von Carl Orff kündigt sich an

Carl Orff ging es äußerst schlecht. Er durfte das Krankenhaus nur für diese Aufführungen im Circus Krone verlassen. Wie es danach weiter ging, steht in dem Buch von Godela Orff „Mein Vater Carl Orff und ich“ (Copyright by Henschel Verlag in der Seemann Henschel GmbH & Co. KG.):

„Bei einem der letzten Besuche: Ich sitze an seinem Bett, halte seine kraftlose Hand, er sieht mich an und fragt verwundert: „Mia?“ – der Name seiner verstorbenen Schwester. Stille. „Godela“? Ich versuche, ihn anzulächeln.
Plötzlich laut und angstvoll: „Mama! Wo ist die Mama?“ Ich antworte fest: „Die Mama ist da! Sie ist immer bei dir.“
Er entspannt sich. Er sieht mich lange an: „Du bist mein guter Engel!“
Er versinkt in Schweigen.“

 

Meine letzte Begegnung mit Carl Orff…

Liselotte Orff bat mich, die Totenmaske von Carl Orff in der Münchener Pathologie abzunehmen.
Ein schwerer Gang.
Ein tiefes Schweigen.

 

Epilog

Bei Durchsicht des Godela-Orff-Bücherschranks  in die Hände gefallen: ein Lesezeichen der 2012 verstorbenen Orff-Witwe Liselotte Orff in dem „Gedenkbuch Carl Orff“ (Hans Schneider Verlag Tutzing 1985). Mit Stimmen großer Orff-Interpreten: Sänger, Dirigenten, Schlagzeuger, Komponisten.

Darin schreibt der Komponist Hermann Reutter:

„Wo finden wir einen zweiten schöpferischen Geist, dessen Lebenswerk in unendlichen, unbegrenzten Räumen alles umspannt und an den ihm gemäßen Platz verweist! Der Bogen reicht vom „Großen Welttheater“ bis zum Märchen, vom intimen Liebesspiel bis zur derben Posse, vom bayerischen Volksstück bis zur attischen Tragödie, für die Sophokles und Hölderlin die machtvollen Beschwörer sind. Weihnachtliche Idylle, österliche Passion dämmern inmitten und zur Krönung ertönt gar ein Spiel vom Ende der Zeiten.“

Mit diesem Opus begann die Welt-Karriere von Carl Orff: Originalhandschrift des Komponisten

Gerhard Büchtemann
Januar 2020