Godela Orff (*21.02.1921  †06.04.2013) war eine starke und äußerst vielseitig begabte Künstlerpersönlichkeit. Sie war Schauspielerin, Schriftstellerin, Buch- und Hörbuch-Autorin, Dozentin für Sprache mit Musik, Fernseh-, Hörfunk- und CD-Produzentin, Interpretin der Werke ihres Vaters Carl Orff. 

Godela Orff feierte als Schauspielerin außergewöhnliche Bühnenerfolge. Noch in ihrer Ausbildungszeit wurde sie am Bayerischen Staatsschauspiel in München mit Hauptrollen betraut, mit 18 Jahren war sie festes Mitglied dieses Theaters. 1947 brachte sie Die Bernauerin, das bayerische Stück, das Carl Orff für sie geschrieben hat, zur Welturaufführung. Als Pädagogin und Dozentin für Sprache und Musik war sie im In- und Ausland gefragt. Zeitlebens setzte sie sich in Wort, Schrift und Interpretation für die Werke ihres Vaters ein und schrieb in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff Authentisches über ihn.

 

 

Godela Orff ist angetreten nach einem Lebensgesetz, das kaum Parallelen kennt. Schon ganz früh von ihren Eltern weitgehend allein gelassen (die Ehe der Eltern hielt nur kurz), wurde sie bei Fremden untergebracht.

Es war eine einsame Kindheit.

Sehr oft musste sie die Schulen wechseln. Trotzdem übersprang sie mehrere Volksschulklassen. Vom 11. bis zum 16. Lebensjahr kam sie in die Schweiz auf eine Sekundarschule und lebte in einem Pensionat.

Nur in den Ferien durfte sie ihren Vater in München besuchen. Besonders glücklich machte er sie, wenn er ihr seine neuesten „Sachen“, wie er sagte, vorspielte. Das waren in dieser Zeit Carmina Burana und Der Mond.
Ihr Lieblingsstück aus den Carmina Burana war damals „o,o,o, totus floreo“, das der Vater wie einen „kessen Gassenhauser" auf dem Flügel „hinhaute,“ wie sie in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich schreibt.

Hörprobe „o,o,o, totus floreo“ aus dem Hörbuch Godela Orff: Mein Vater Carl Orff und ich. (O.SKAR-Verlag)

„Wir lesen zusammen Partitur“

Mit 13 Jahren schrieb sie „ihr“ „Weihnachtsspiel für meinen lieben, lieben...“ (Vater) mit genauen Regieanweisungen, Illustrationen, Sprechchor und den typischen Satz- und Wortwiederholungen ihres Vaters.

Rückkehr zu ihrem Vater

Mit 16 kam sie zu ihrem Vater „nach Hause“ zurück. Sie wollte Ärztin werden. Aber der Vater hatte kein Geld für ein Studium. Er machte ihr klar, dass sie Schauspielerin werden solle. worin er eine andere große Begabung von ihr sah. Hatte sie doch in den verschiedenen Schulen schon erfolgreich Theater gespielt, „selbstverständlich“ die Hauptrollen unter ihrer Regie in ihren eigenen Stücken. Mit acht Jahren hatte sie dem Prinzen Max von Baden als Prinzessin im Froschkönig äußerst erfolgreich vorgespielt.

Carmina Burana

Mit dem Vater in Frankfurt am Main zur Uraufführung der Carmina Burana 1937.

Am 8. Juni 1937, Godela Orff war 16, wurde die Carmina Burana in Frankfurt a.Main uraufgeführt. Erste Berichterstattung der stolzen Tochter an ihre Großeltern mit dem berühmten Zitat des Vaters: „Die Übertragung soll Scheiße gewesen sein.... Godela fühlt sich hier im Glanze sehr wohl. Niemand hat geglaubt, dass das Stück so stark auf der Bühne wirkt. Die Presse überbietet sich in Lobeshymnen. Alles andere dann mündlich. Bis bald C.“

 

 

„Glücklich!“ – Vater und Tochter nach der Uraufführung der Carmina Burana

Es folgte die zweite Aufführung vier Tage später. Godela Orff schreibt darüber in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich: „Die Spitzen der Partei, wir sind ja im Dritten Reich, sitzen im Zuschauerraum. Sie werden entscheiden, ob man dieses Stück genehmigen könne. Der erste Teil verklingt...“

Hörprobe "Warum klatschen denn die Scheißkerle nicht?" Aus dem Hörbuch Godela Orff: Mein Vater Carl Orff und ich.


Die Stationen einer großen Schauspielerkarriere

Mit 17 Jahren wurde Godela Orff als eine von 400 Bewerbern in der Staatlichen Schauspielschule in München aufgenommen.

Noch in der Ausbildung wurde sie am Bayerischen Staatsschauspiel mit Hauptrollen betraut und spielte sehr bald in den großen Klassikern im Prinzregententheater.

München 1939: Godela Orff mit 18 Jahren am Bayerischen Staatsschauspiel. Ihre erste Rolle als Luciana in der Komödie der Irrungen von William Shakespeare.

Die Augsburger Zeitung schreibt darüber: „Die junge Künstlerin besitzt in hohem Grade die Kunst der verzauberten Seele und gehört dank ihrem starken szenischem Instinkt zu den meist versprechenden Bühnenbegabungen unter dem heutigen Nachwuchs.“

1940: Godela Orff als Jenny Lind bei der Uraufführung vom Gastspiel in Kopenhagen von Friedrich Forster im Residenztheater München.

„Diese Jenny Lind entschied den starken Erfolg der Aufführung“ – so die Neue Augsburger Zeitung vom 24.10.1940

Godela Orff erobert die Presse. Wer in der Tageszeitung, z.B. dem "Münchner Abendblatt" skizziert wird, hat öffentliches Interesse gefunden.

1941: Eine ihrer stärksten Leistungen: die Prothoe in Penthesilea von Heinrich von Kleist im Münchener Staatsschauspiel.

Der „Völkische Beobachter“ schreibt am 16.12.1941 u.a.: „Eine Leistung, die besonders genannt werden muß: die Prothoe Godela Orffs. ...sie darzustellen, bedarf es eines vollen dramatischen Klangs. Godela Orff fand ihn, so im großen Kreis  der wetteifernden Spieler, die offensichtlich das mächtige Werk hochriß und beglückte, die Würde der Darstellung heiß und hell noch einmal in ihrer Person heraushebend.“

Carl Orff schreibt in seiner Dokumentation Carl Orff und sein Werk (Hans Schneider, Tutzing): „Meine Tochter hatte das Glück, gleich von der Schauspielschule weg ein Engagement am Bayerischen Staatsschauspiel zu bekommen, wo sie bald in ihrem Fach zu größeren Aufgaben herangezogen wurde. So erhielt sie schon im zweiten Jahr eine Haupt- und Titelrolle, Hebbels Agnes Bernauer..“

 

 



 

 

Godela Orff als Agnes in Hebbels Agnes Bernauer: „Mit dieser Rolle inspirierte ich meinen Vater, eine bayerische „Bernauerin“ zu schreiben..." Zitat aus Buch Godela Orff Mein Vater Carl Orff und ich.

Neue Augsburger Zeitung vom 23.11.1943: „Der Engel von Augsburg auf der Münchener Bühne“

1942: Carl Orff beginnt für seine Tochter Die Bernauerin zu schreiben. In seiner Dokumentation schreibt er: „Die Aufführung des Hebbel’schen Werkes war für Godela bei Publikum und Presse ein großer Erfolg. In mir aber reifte der Entschluss, eine neue Bernauerin zu schreiben, ein bayerisches Stück, ein Festspiel für München.“

1947: Godela Orff in der Titelrolle als Agnes bei der Uraufführung der Die Bernauerin am 14. Juni. Württembergische Staatstheater Stuttgart.
Die Schwäbische Landeszeitung über die Uraufführung am 20.06.1947 in Stuttgart: „Aus Godela Orff sprach das Urgeheimnis der bayerischen Lautmalerei in ihrer rhythmischen Biegsamkeit und Klangfülle aus jedem Absatz: Sie war eine Bernauerin, die aus dem jahrhundertealten bayerischen Mimus und Dialekt ihre Gewalt bezog – eine beglückende Verkörperung dieser Rolle.“

Godela Orff schreibt in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich u.a. über die Anforderungen, die Carl Orff an die Aufführungen der Die Bernauerin stellte: „Er wünschte sich diese Figur ganz aus dem „Sein“ gestaltet, ohne den „Schein“ hilfreicher Äußerlichkeiten. Die fast gänzlich schweigende Anwesenheit der Agnes während des ersten Teiles verlangt absolute Konzentration im „Da-Sein“, in der Ausstrahlung.“




Ein Stück Zeitgeschichte: 1947. Zwei Jahre nach dem verlorenen 2. Weltkrieg wird Die Bernauerin von Carl Orff uraufgeführt. “Die Neue Zeitung, Eine Amerikanische Zeitung für die Deutsche Bevölkerung“ bildet auf ihrer Titelseite Godela Orff ab und schreibt: „Godela Orff“, die Tochter des Komponisten Karl Orff, die in dem neuen Werk ihres Vaters „Die Bernauerin“, in Stuttgart mit großem Erfolg die Titelrolle verkörperte:“ (Foto: Laun)

Letzte Szene aus Die Bernauerin. Uraufführung Württembergische Staatstheater  Stuttgart, 1947

Hörprobe "Das kleine Lied, das die Bernauerin ahnungsvoll..." Aus dem Hörbuch Godela Orff: Mein Vater Carl Orff und ich.

Lesungen

1949: "Zur Feier des 200. Geburtstages von Goethe wurde ich gebeten," – so schreibt Godela Orff in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich - "bei den Salzburger Festspielen eine Lesung über Goethes Briefwechsel mit einem Kinde von Bettina von Arnim zu halten. Mein Vater hatte mich schon mit 16 Jahren bei meiner Rückkehr aus der Schweiz mit Hölderlin vertraut gemacht. Er las Teile aus Hyperion und seine Gedichte mit mir. So wurde die Sprache mein dominierend künstlerisches Element im Theater und beim Unterrichten.“

In Berlin, München, Elmau, Andechs: Godela Orff liest aus ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich und ihrem Hörbuch Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach (nach Esther Meynell), gemeinsam mit der Cembalistin Anna Barbara Speckner.  

Der Vater sagte nach dieser Lesung: „Du hast nicht vorgetragen – Du warst Bettina – ihr wart eins.“

Fernsehproduktionen

1957–1959: Produktion der 18-teiligen Fernsehserie „Musik für Kinder“ über das Orff-Schulwerk und weltweite Einführung des Orff-Schulwerk im Bayerischen Fernsehen, zusammen mit Gunild Keetman, der Mitbegründerin des Orff-Schulwerk.
Hörprobe „Der Maien ist kommen..“ Aus dem Hörbuch Godela Orff: Mein Vater Carl Orff und ich.

1979: Fernsehproduktion im SWR: „Ich trage einen großen Namen“
1992, 1993: Bayerisches Fernsehen: Dreiteilige Sendereihe „Unter unserem Himmel“ Godela Orff Mein Vater Carl Orff
2003: Bayern alpha: Interview mit Dr. Ernst Emrich
2005: arte: Interview zum 100. Geburtstag von Carl Orff.

Schallplatten-Produktionen

1963-1975: Produktion des gesamten Orff-Schulwerk mit Übernahme der Sprechstücke unter der Regie von Carl Orff „...war sie doch mit der sprachlichen Diktion ihres Vaters bestens vertraut,“ wie Godela Orff in ihrem Buch Mein Vater Carl Orff und ich schreibt.

Dozententätigkeit

1969-1975: Dozentin für „Sprecherziehung und Sprachgestaltung“ und Aufbau einer neuen Abteilung für dieses Fach am Carl-Orff-Institut der Universität Mozarteum Salzburg. Als Pädagogin überzeugte sie ihre Schüler von der Wirkung von Sprache, Musik und Rhythmus auf den Menschen. Mit dem größten Vergnügen wurde dort unter ihrer Anleitung Theater gespielt.

Fortbildungskurse und Seminare

Ab 1975: Leitung von wöchentlichen Fortbildungskursen und Seminaren für Lehrer aller Klassen und Schularten im In- und Ausland.

CD-Produktion

1998: CD-Produktion: Godela Orff erzählt und stellt vor: Carl Orffs „Kleines Welttheater“ Der Mond. (Musikverlag Max Hieber KG). Ausgezeichnet mit dem Medienpreis Leopold 1999 des Verbandes deutscher Musikschulen.

Buchproduktionen

1992: 1. Auflage des Buches: Godela Orff – Mein Vater und ich (Piper)
1995: 2. Auflage des Buches: Godela Orff – Mein Vater und ich (Piper)
2008: 3. Auflage des Buches: Godela Orff – Mein Vater Carl Orff und ich (Henschel)

Hörbuchproduktionen

2007: Hörbuch Godela Orff – Mein Vater Carl Orff und ich. Authentisches über Orffs künstlerische Ideen und sein Werk. Mit sehr persönlichen Erinnerungen, Musikbeispielen und der Sprachgewalt von Carl Orff, wenn er aus den eigenen Werken liest. Künstlerische Auseinandersetzung von Godela Orff mit den Griechendramen ihres Vaters: Antigonae, Oedipus der Tyrann, Prometheus und dem letzten Werk von Carl Orff: De temporum fine Comoedia – Das Spiel vom Ende der Zeiten, Vigilia.
Hörprobe Godela Orff: „Die letzten Zeilen aus Carmina Burana.“ Aus dem Hörbuch Godela Orff: Mein Vater Carl Orff und ich.

  

2011: Auszüge aus Esther Meynell: Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Mit Musik von J.S. Bach. Es ist ein Hörbuch, „das man mit dem Herzen hören sollte“, so Godela Orff.

Es bestand zeitlebens eine tiefe Verbindung zwischen dem Vater und seiner Tochter.

Die Mutter mit ihrem einzigen Sohn, dem Wissenschaftler Dr. Christoph Florian Büchtemann. Er starb 2001, 48-jährig.

Auf dem Titel zu seiner Gedenkschrift schreibt Godela Orff:
„Letztendlich schauen wir alle in den Himmel.“